Klassenintervention

Nach einem Erstgespräch und einer Hospitation entsteht das Konzept: Sechs Doppelstunden TZT zum Umgang miteinander sowie Coaching der Lehrkraft werden angeboten. Die Spannungen zwischen Mädchen und Buben machen nur einen Teil der Schwierigkeiten aus: Das Verhaltensrepertoire muss um konstruktive Handlungsmöglichkeiten erweitert werden; TZT-gerecht aufbereitet mit persönlichem Zugang zum Stoff.

Schwierigkeiten im Umgang miteinander

Ausgangslage
Im Verlauf des 2. Schuljahres entwickelten die SchülerInnen zunehmend Verhaltensweisen, welche ungestörtem Lernen sowie einem geregelten Schulbetrieb abträglich sind; bspw waren Gruppenarbeiten nur in bestimmten Konstellationen möglich, andere Gruppenzusammensetzungen führten sogleich zu unlösbaren Konflikten. Mädchen und Buben arbeiteten kaum zusammen, aggressives Verhalten, Auslachen und gegenseitiges sich Ausspielen bei Meinungsverschiedenheiten traten oft auf und waren im Gespräch nicht zu lösen.

Ziele und Inhalte
Die Intervention hat zum Ziel, ein angenehmeres Lernklima zu schaffen, die Umgangsformen untereinander zu verbessern und eine positive Zusammenarbeit zwischen Mädchen und Buben zu ermöglichen. Dies wird erreicht durch Stärkung des Selbstvertrauens, der positiven Ressourcen und der Erweiterung des Verhaltensrepertoires der SchülerInnen mittels Wahrnehmungsschulung, szenischen Spiels sowie Reflexion des eigenen Verhaltens.

Arbeitsverlauf
Bei der Hospitation sehe ich eine vordergründig ruhige Klasse mit grossen Differenzen bei der mündlichen Beteiligung. Das Gedicht, das als Einstieg vorgetragen wird, ist kaum zu hören, obwohl die ganze Klasse gleichzeitig spricht. In der Phase der Erarbeitung melden sich stets die gleichen 3-4. In der Phase der Einzelarbeit können einzelne nicht alleine arbeiten, sondern müssen sich ständig vergewissern, was die Nachbarn machen, was zunehmend Unruhe auslöst. Die Bekanntgabe der Werkgruppen (Mädchen/Buben getrennt) löst Jubel aus. Am ersten Arbeitsmorgen fällt mir auf, dass die Kinder kaum in der Lage sind, in der Gruppe eine eigene Meinung oder Vorliebe zu äussern. Strukturell sind sie komplett überfordert damit, dass die Pulte auf der Seite stehen und der Klassenraum für Bewegung zur Verfügung steht.

Das Thema
Keine/r kann etwas alleine, die Expositionsangst ist gross. Etwas nur zu zweit machen ist unmöglich, sofort hat es zwei Gruppen: Alle Mädchen und alle Buben. Die Mädchen und die Buben grenzen sich zwar ab, aber es ist eher Angst davor, ausgelacht werden als ein Problem mit der Durchmischung. Der dominierende Beziehungssatz ist: Ich habe Angst. Angst, mich zu exponieren, mich zu zeigen, anders zu sein als du, auf Ablehnung zu stossen, ausgeschlossen zu werden. Daraus leite ich das erste Thema ab: Ich brauche Vertrauen und deinen Schutz, um mich zu zeigen. Klare Regeln, wann und welche Rückmeldungen erlaubt sind, helfen Raum zu schaffen, um etwas von sich presizugeben. Die Spiellust ist gross. Das zeigt sich schon am zweiten Morgen: Das Vertrauen nimmt zu, jetzt werden lustvoll Kämpfe ausgetragen. Das neue Thema heisst: Ich kämpfe um meinen Platz in der Gruppe - mit deiner Hilfe finde ich ihn.

Aufbau von Ressourcen
In den zwei ersten Interventionen arbeite ich gezielt an der Wahrnehmung der eigenen Ressourcen und baue die Expositionsfähigkeit auf, das heisst, die Gruppe wird in sorgfältigem Aufbau Schritt für Schritt dazu ermuntert, eigene Stärken zu suchen, zu benennen und zu zeigen. Der Prozess des Aufbauens von Szenen bestärkt die Fähigkeit, vor der Gruppe aufzutreten und sich zu zeigen. Übungen und die Erfahrung, dass eine Szene und somit ein Ausdruck von Verhalten zu zweit geübt und gezeigt werden kann, stärken das Selbstvertrauen. Machtkämpfe innerhalb der eigenen Geschlechtergruppe werden auf einer fiktiven Ebene ausgetragen und somit entschärft.

Erweiterung des Verhaltensrepertoires
Ab dem 4. Morgen arbeite ich gezielt an den Konfliktsituationen, welche die Kinder selber zusammentragen. Mit Hilfe von Zuordnen von Tätigkeiten zu Rollen (Täter, Opfer, Zuschauer, Eingreifende) werden die Szenen analysiert und das gezielte Wahrnehmen des Konflikts sowie der Möglichkeiten, einzugreifen, geübt. Die konkreten Handlungsmöglichkeiten werden benannt, vorgeführt, reflektiert und eingeübt. Diese Erweiterung des Verhaltensrepertoires wird am letzten Morgen mit einem Interventionstheater gekrönt: Lernen, im richtigen Moment einzugreifen, kann präventiv Konflikte verhindern sowie laufende Konflikte entschärfen.

Die Klasse hat in den zwei Monaten viel an Handlungsalternativen gelernt und Vertrauen zu einander gewonnen, die Quecksilbrigkeit ist geblieben. Bei den Mädchen ist das Konkurrenz-Verhalten untereinander nach wie vor nicht ganz einfach.

Themen im Coaching
Im Coaching stehen Reflexion und Erarbeitung angepasster Arbeitsstrukturen als Weiterführung des Interventionsansatzes sowie deren Umsetzung durch die Lehrkräfte im Vordergrund. In erster Linie passende Einstiege und Gruppenbildungen, aber auch weiterführende Übungen werden erarbeitet und besprochen.

Rückmeldungen der Lehrkräfte
Rollenspiele sind im Alltag eines Kindes sehr beliebt und dienen dazu, das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten. Deshalb denke ich, dass die Form des Theaters authentisch und dem Kind sehr nahe ist. Dies hat sich in der TZT ­ Intervention mit der Klasse bestätigt. Die Schülerinnen und Schüler haben sich jeweils sehr auf Frau Schnell gefreut und fragten mich immer wieder: „ Kommt heute Frau Schnell? “ Sehr auffallend war für mich die positive Wirkung auch darin, dass die Kinder nach einer Doppellektion TZT absolut konzentriert und friedlich dem Unterricht folgten, was sonst eher die Ausnahme war.

Was hat sich im Schulalltag geändert?
Schwierige Situationen wurden auf verschiedene Weisen thematisiert. Die Kinder haben ein Handlungsrepertoire erarbeitet und wissen, wie sie sich selber helfen können, oder wie und wo sie Hilfe holen können. Eine gemeinsame Basis fürs Gespräch ist geschaffen worden. Es gibt weniger schwierige Situationen unter den Kindern. Es kommen zwar immer noch schwierige Situationen vor, der Umgang damit hat sich aber verändert. Der Schulalltag allgemein hat sich sehr beruhigt, störende Interaktionen haben die Kinder weniger nötig. Der Schulstoff ist wieder mehr ins Zentrum gerückt. Verschiedene Formen von Gruppeneinteilungen sind gängig geworden und werden besser akzeptiert. Die Arbeit in der Gruppe wird weniger boykottiert.

Hilfen für mich als Lehrkraft
Gemeinsam konnten wir heraus kristallisieren: Wo liegen genau die Probleme? Was muss thematisiert werden? Welche Kinder beeinflussen Gruppe wie? Was kann dagegen unternommen werden? Wo muss das Schwergewicht gelegt werden? Konkrete Übungsvorschläge zu Expositionsaufbau, Positionieren und Meinungen äussern, Gruppenbildung, Rückmeldungskultur. In schon vorhandenen Strukturen wurden wir bestärkt.

Rückmeldungen der Eltern

Eine Mutter erzählte mir, ihr Sohn habe vor dem Einschlafen festgestellt, dass er nun nicht mehr ausgeschlossen werde, das Theater sei wohl doch noch gut. Eine andere Mutter sagte mir, Ihr Kind sei wieder viel motivierter und komme nun wieder gerne zur Schule. Ein Mädchen hat nach wie vor Schwierigkeiten und wird weiter betreut.

Rückmeldung der Teilpensenlehrkräfte
„ Die Kinder haben sich jeweils sehr gefreut auf die Theatersequenzen. Das ist wohl Rückmeldung genug.“
„ Das Klassenklima hat sich sehr zum Positiven hin verändert.“
„Was hast Du mit diesen Kindern gemacht? Die sind ja plötzlich ganz anders als noch vor ein paar Wochen!“

Abschliessende Bemerkung
Die Veränderungen in der Klasse sind deutlich und positiv! Ich möchte weiter daran arbeiten. Ich habe deshalb im Sinn, die Form des Theaters als festen Bestandteil in den Schulalltag einzubauen und habe von Frau Schnell dazu auch Vorschläge erhalten. Die Intervention hat sich für alle Beteiligten sehr gelohnt!

Dieses Projekt wurde im Herbst 2006 in Biel von Sabine Schnell durchgeführt. Der 1. Teil des Textes stammt von Sabine Schnell, der 2. Teil von der Klassenlehrkraft.

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